Jour Fixe-I: Rückschau
Werkstattbericht: eBooks im Verlag
Was sich schon geändert hat – was sich noch ändern muss – wie es weiter gehen könnte
Mittlerweile sind eBooks in aller Munde und beschäftigen viele Verlage die auf den Zug aufspringen und selbst eBooks herausbringen wollen.
Dass dies allerdings deutlich mehr Kompetenzen erfordert, als einfach nur Bücher zu digitalisieren, machte Stephan Born – seit 2005 Herstellungsleiter bei Hoffmann und Campe –, der für den dritten Vortrag am 20.01.2010 der ersten Jour Fixe-Reihe extra aus Hamburg anreiste, in seinem Erfahrungsbericht deutlich.
Mut zum Experiment
Hoffmann und Campe verlegt seit 227 Jahren Bücher und seit kurzem auch eBooks. Aus Neugier wurden im August 2008, noch vor dem eigentlichen Erscheinen bei Sony, zwei eBooks für den Verlag organisiert, um den Mitarbeitern das Kennenlernen der Geräte zu ermöglichen. Schnell entwickelte sich die Frage: Wie kann man eigene Bücher auf ein eBook bringen.
Die ersten Konvertierungen schlugen fehl, doch nach der Frankfurter Buchmesse 2008, auf der eBooks ein großes Thema waren, beschäftigte man sich intensiver damit. Im Dezember 2008 gelang es dem Verlag rechtzeitig vor Auslieferung der ersten Sony-Reader, ein erstes eigenes elektronisches Buch als »Preloaded Content« bereit zustellen.
Die nächste Idee wurde im März 2009 in Zusammenarbeit mit Matthias Heubach realisiert. Da besonders in Japan, aber auch weltweit, das Bücherlesen auf Smartphones immer beliebter wird, galt es nun, Bücher über iPhone-Apps anzubieten. Hoffmann und Campe war der erste größere Verlag, dem dieser Versuch gelang.
Doch erste negative Erfahrungen blieben nicht aus, denn durch das enorm komplexe eBook-Universum entstand ein nicht zu unterschätzendes Dateiproblem, das Formate und ISBNs in nicht handelbarer Menge zur Folge hatte.
Man traf die Entscheidung, je eine ISBN für das gedruckte Buch und eine ISBN für das zugehörige eBook anzulegen. Doch ein weiteres Problem trat auf, da die Dateinamen zu kompliziert und unpraktisch für die Kunden waren. EBooks erfordern also weitaus komplexere Abläufe, die sich über das gesamte Unternehmen erstrecken und damit mehr Kommunikation voraussetzen.
Neue Anforderungen
So wurde im Februar 2009 eine Arbeitsgruppe gegründet, um die Hauptprobleme Standardisierung und Kommunikation anzugehen. Schnell stand eine Lösung fest: eine Datenbank zur Datenverwaltung von eBook, Cover, Autor, Änderungen, Weblinks usw. musste her. Aber auch die einzelnen Abteilungen mussten umdenken und sich neue Ziele setzen.
In der Herstellungsabteilung ging es vor allem darum, mit den wesentlich komplexeren Abläufen und Geräten Erfahrung zu sammeln und sich mit der Problematik der automatischen Erzeugung von Daten zu beschäftigen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, der überdacht werden musste, war die Typographie. EReader und Software wie calibre tun sich noch schwer mit dem Satz und können zum Beispiel (noch) keine Silbentrennung oder ausgeglichenen Blocksatz darstellen.
Ein Schwerpunkt, der besonders die Rechte- und Lizenzabteilung im Verlag fordert, ist das DRM (Digital Rights Management), vor allem in Bezug auf den Kopierschutz. Des Weiteren herrscht eine unklare Rechtslage bezüglich der Autoren- und Bildrechte sowie Lizenzen für das Ausland, in dem der Download und damit Verkauf von eBooks ansonsten ohne weitere Probleme möglich wäre.
In der Abteilung Vertrieb und Verkauf ist vor allem die Datenhandhabung ein wichtiger neuer Aspekt: alle Vertreter müssen zusätzlich zur körperlichen Ware nun auch mit eBooks und digitalen Manuskripten ausgestattet werden. Anstatt der Lagerhaltung ist hier nun vor allem die Datensicherung ein schwerwiegendes Thema.
Ein weiter Weg
Bis zum Gebrauch von eBooks als Arbeitsgerät im Verlag ist es noch ein weiter Weg. So kann ein Lektor zwar auf einem eBook Korrekturen erstellen, aber noch ist die Technik nicht so weit, die Daten auszulesen und weiter zu nutzen. Ebenfalls muss die Preisfindung neu überdacht werden: die Druckkosten mögen wegfallen, doch die Einsparungen müssen im Moment nicht in neue Technik, Arbeitsabläufe, Rechte usw. investiert werden.
Zum Abschluss seiner Präsentation gab Stephan Born einen Ausblick für die kommenden Zeiten und Aktivitäten bei Hoffmann und Campe. Die wichtigsten Ziele sind es, Standards sowie optimierte und dokumentierte Abläufe zu erstellen. Für den Verlag ist es im Umgang mit elektronischen Daten besonders wichtig, voraus zu denken, sich mit der Technik zu befassen und Mut zum Probieren zu beweisen.
zuletzt aktualisiert am 22.11.2010E-Mail an den Autor senden











